IM JAHR 1989 ÄNDERTE SICH DIE WELTORDNUNG, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Europa dominiert, aber auch das Verhältnis zwischen den Supermächten UdSSR und USA bestimmt hatte, radikal. Der Mitte der 1980er Jahre eingeleitete Reformkurs der Perestroika (Umbau) des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und des späteren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, sowie Reformbewegungen in Ungarn, Polen und anderen Satellitenstaaten der UdSSR machten die politischen Umwälzungen im kommunistischen Osteuropa möglich. Die wichtigsten Ereignisse in einer chronologischen Übersicht.
Ungarn11. Jänner
Ungarn verabschiedet als erster Ostblock-Staat ein Gesetz, das die Bildung von Parteien, Gewerkschaften und anderen politischen Vereinigungen zulässt. Außerdem wird ein Versammlungsrecht beschlossen.
Ungarn21. Jänner
Die USAP, die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, verzichtet auf Druck des innerparteilichen Reformflügels auf ihre in der Verfassung garantierte Führungsrolle in Staat und Gesellschaft. Das Zentralkomitee der USAP beschließt, ein Mehrparteiensystem in Ungarn zuzulassen und gibt damit ihr Machtmonopol auf.
Polen6. Februar
Erstes Treffen am Runden Tisch: Vom 6. Februar bis 5. April verhandeln Repräsentanten der regierenden kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (VPAP), der Untergrund-Gewerkschaft Solidarność, der Kirche und anderen Gruppen in Magdalenka bei Warschau. Auf Grund einer politischen Dauerkrise begleitet von einer Streikwelle, hatte sich die VPAV zu diesen Gesprächen gezwungen gesehen.
Polen5. April
Zum Abschluss der Gespräche am Runden Tisch wird die Wiederzulassung der seit 1982 verbotenen Gewerkschaft Solidarność beschlossen. Außerdem einigten sich die Verhandler auf einigermaßen freie Wahlen im Juni 1989.
Ungarn2. Mai
Ungarn beginnt offiziell mit dem Abbau seiner Grenzanlagen an der österreichisch-ungarischen Grenze. Statt den schadhaften Stacheldraht zu erneuern, wird er stückweise abgetragen, die elektrischen Meldeanlagen abgeschaltet.
DDR7. Mai
Oppositionelle Bürgerrechtsgruppen können massive Fälschungen bei den Ergebnissen der Kommunalwahlen nachweisen. Erste Proteste werden laut, die aber vom Regime der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) durch eine Verhaftungswelle unterdrückt werden.
Polen4. Juni
Bei den ersten mehr oder weniger freien Wahlen, die am Runden Tisch in Warschau ausgehandelt wurden, erzielt das Bürgerkomitee Solidarność einen überwältigenden Sieg gegenüber den regierenden Kommunisten.
Mehr: Sieg für Polens Opposition bei freien Wahlen
Ungarn/Österreich27. Juni
Der österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn zerschneiden in einem symbolischen Akt den "Eisernen Vorhang".
Österreich17. Juli
Österreich beantragt die Aufnahme in die Europäischen Gemeinschaften (EG). In Brüssel übergibt Außenminister Alois Mock dem EG-Ministerratsvorsitzenden Roland Dumas das Beitrittsgesuch.
Mehr: Österreich beantragt die Aufnahme in die EG
Siehe auch: Das geschah 1989 in Österreich
Ungarn19. August
Beim "Paneuropäischen Picknick" an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron wird symbolisch für einige Stunden ein Grenztor geöffnet. Fast 700 DDR-Bürger können fliehen. Die ungarische Grenzwache befolgt auf Geheiß "von oben" ihren Schießbefehl nicht.
Mehr: Das "Paneuropäische Picknick"
Polen24. August
Tadeusz Mazowiecki (Solidarność) wird der erste nicht-kommunistische Ministerpräsident Polens und ist somit der erste nicht-kommunistische Regierungschef im gesamten Warschauer Pakt überhaupt.
DDR4. September
Im Zuge eines Friedensgebets kommt es bei der Leipziger Nikolaikirche zur ersten "Montagsdemonstration". Gefordert wird unter dem Eindruck der Massenflucht vor allem Reisefreiheit.
Ungarn10. September
Ungarn öffnet in der Nacht offiziell seine Grenzen zu Österreich für DDR-Bürger, ohne dafür in Moskau um Erlaubnis anzusuchen. Die Flucht in den Westen von zehntausenden DDR-Bürgern über die österreichisch-ungarische Grenze, die schon Ende August durchlässiger geworden ist, wird dadurch erleichtert.
DDR7. Oktober
Am Rande der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR kommt es in Leipzig und Plauen zu Demonstrationen gegen das SED-Regime. Die Sicherheitskräfte reagieren auf diese Kundgebungen mit Härte.
DDR9. Oktober
Die "Montagsdemonstrationen" weiten sich zum Massenprotest aus: In Leipzig gehen 70.000 Bürger auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren. Eine Woche später demonstrieren bereits 120.000 Menschen, zwei Wochen später sind es 320.000.
DDR18. Oktober
Erich Honecker tritt als Staatsratsvorsitzender der DDR sowie als Generalsekretär der SED zurück. Sein Nachfolger wird Egon Krenz.
Ungarn23. Oktober
Ende der Volksrepublik Ungarn: Am Jahrestag des Volksaufstands von 1956 wird die demokratische und parlamentarische Republik Ungarn ausgerufen. Damit tritt auch die neue Verfassung Ungarns in Kraft.
UdSSR25. Oktober
Der Sprecher des sowjetischen Außenministers, Gennadij Gerassimow, prägt den Ausdruck "Sinatra-Doktrin", nach dem berühmten Lied "I Did It My Way" von Frank Sinatra. So bezeichnete er die Entscheidung Michail Gorbatschows, dass die "sozialistischen Bruderstaaten" über ihren politischen Weg unabhängig von Moskau bestimmen könnten.
DDR4. November
Auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz demonstrieren 500.000 Menschen für Demokratie.
DDR7. November
MTV Europe strahlt das erste Live-Programm aus Ost-Berlin aus.
BRD/DDR9. November
Die Berliner Mauer fällt: Das Symbol für das SED-Regime wird von Menschenmassen geradezu gestürmt. Die innerdeutschen Grenzen werden geöffnet.
Tschechoslowakei17. November
In Prag nutzen Demonstranten eine genehmigte Studentenkundgebung um das Ende des kommunistischen Regimes und den Rücktritt des KP-Generalsekretärs Milouš Jakeš zu fordern. Die Proteste werden zu einer Massenbewegung, die "Samtene Revolution" nimmt ihren Lauf.
Mehr: "Samtene Revolution" in der Tschechoslowakei
Tschechoslowakei19. November
Das in Tschechien gegründete Bürgerforum um Václav Havel und die "Öffentlichkeit gegen Gewalt" in der Slowakei bilden das Sprachrohr der Protestbewegung und suchen den Dialog mit den kommunistischen Machthabern.
Tschechoslowakei24. November
Der Schriftsteller und Bürgerrechtler Václav Havel und Alexander Dubček, Politiker des Prager Frühlings 1968, sprechen am Prager Wenzelsplatz auf einer Massenkundgebung zu den Demonstranten. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Milouš Jakeš tritt zusammen mit dem gesamten Politbüro zurück.
BRD/DDR28. November
Der (west)deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl gibt im deutschen Bundestag überraschend ein "Zehn-Punkte-Programm" für die deutsche Wiedervereinigung bekannt. Das zeitliche Ziel für ein geeintes Deutschland liegt in etwa zehn Jahren.
Tschechoslowakei29. November
Die in der Verfassung verankerte Bestimmung, die der Kommunistischen Partei die führende Rolle im Staat sichert, wird aufgehoben. Einen Tag zuvor hatten Bürgerforum und die "Öffentlichkeit gegen Gewalt" die Verhandlungen mit den Kommunisten begonnen.
DDR3. Dezember
Die DDR-Regierung unter Willi Stoph und das gesamte Politbüro müssen zurücktreten.
Tschechoslowakei5. Dezember
Der Stacheldraht an den Grenzen zu Österreich und zur DDR wird entfernt.
Tschechoslowakei7. Dezember
Der Ministerpräsident der tschechoslowakischen Föderation Ladislav Adamec muss unter dem Druck der Öffentlichkeit zurücktreten.
Tschechoslowakei10. Dezember
Der Reformkommunist Marián Čalfa wird Ministerpräsident und bildet eine Koalitionsregierung der "nationalen Verständigung", in der die Kommunisten keine Mehrheit haben. Gleichzeitig tritt der kommunistische Staatspräsident Gustáv Husák zurück.
Rumänien15. Dezember
Erste Kundgebung in Temeswar anlässlich der drohenden Deportation des regimekritischen, sehr populären Pfarrers László Tőkés. Mit diesen Protesten nahm die kurze, aber blutige Rumänische Revolution 1989 ihren Anfang.
Rumänien21. Dezember
Die Protestkundgebungen springen von Temeswar auf die Hauptstadt Bukarest und andere rumänische Städte über. Gewaltsame Kämpfe halten bis zum 27. Dezember an. Die Revolution fordert insgesamt 1104 Todesopfer.
BRD/DDR22. Dezember
28 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer wird das Brandenburger Tor, Berlins Wahrzeichen, wieder geöffnet.
Rumänien25. Dezember
Der rumänische Diktator Nicolae Ceauşescu und seine Frau Elena werden von einem Militärgericht verurteilt und hingerichtet. Reformkommunisten um Ion Iliescu übernehmen die Macht im Staat.
Mehr: Hinrichtung von Nicolae Ceauşescu
Tschechoslowakei28. Dezember
Alexander Dubček, der führende Reformkommunist des Prager Frühlings von 1968, wird zum Parlamentspräsidenten des tschechoslowakischen Parlaments gewählt.
Tschechoslowakei29. Dezember
Václav Havel wird als Kandidat des Bürgerforums von den Vertretern der Föderalversammlung zum Staatspräsidenten gewählt. Er führt das Land zu freien Wahlen im Juni 1990 und wird am 5. Juli 1990 auch vom neuen Parlament zum Präsidenten gewählt.
Externer LinkEuropäische Geschichte, multimedial aufbereitet
Das Centre Virtuel de Connaissance sur l'Europe in Luxemburg bietet auf seiner deutschsprachigen Website eine umfangreiche multimediale Dokumentation der jüngeren europäischen Geschichte. Zahlreiche Filme, Fotos und Dokumente wurden zusammengetragen.
