1989 aus Sicht des deutschen Botschafters in Wien
Bedeutung der Ereignisse 1989/1990 für Deutschland
In der Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es: „Die Deutschen… haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet. Damit gilt dieses Grundgesetz für das gesamte Deutsche Volk“. Nichts kann kürzer und klarer die Bedeutung der Ereignisse in den Jahren 1989/1990 ausdrücken als dieser Satz. Denn der Fall der Mauer ermöglichte die Vereinigung Deutschlands und das Ende der Teilung Europas. Es erfüllte sich damit auch das Gebot der Wiedervereinigung in der ursprünglichen Fassung der Präambel vom 23. Mai 1949.
Rückblickend auf jene Jahre erfaßt mich auch heute – 20 Jahre danach – noch immer Freude über ein glückliches Ereignis, das letztlich den meisten Deutschen in Ost und West unfaßbar schien; denn es dürften damals nur noch die Allerwenigsten damit gerechnet haben, daß eine Wiedervereinigung überhaupt und dann sogar noch zu eigenen Lebzeiten eintreten könnte. Wie für viele andere ist es für mich das einschneidenste politische Ereignis, das ich selbst erlebt habe. Deshalb sind mir die Monate vom Sommer 1989, als die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn am 27. Juni den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs auf der ungarischen Seite der Grenze durchschnitten, über die legendäre Pressekonferenz am 9.November, in der – evtl. ohne es voll zu erfassen - das SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski die Öffnung der Berliner Mauer verkündete, über die ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 und die Währungsunion bis hin zum Einigungsvertrag und zur Vereinigung am 3. Oktober 1990 unvergessen und in vielen Details lebhaft vor Augen:
- die Stunden vor dem Fernseher in der Nacht des 9. November, als Tausende Berliner aus dem Osten in den Westen der Stadt drängten und ihre frisch gewonnene Reisefreiheit feierten;
- die Ansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl vor der Ruine der Dresdener Frauenkirche im Dezember 1989;
- der Auftritt im Februar 1990 in Erfurt vor den Treppen des Domes des „westdeutschen“, aber aus Halle stammenden Außenministers Hans-Dietrich Genscher auf einer Kundgebung vor den Wahlen zur „ostdeutschen“ Volkskammer;
- die im Februar 1990 eine ganze Nacht dauernde Diskussion darüber, wie es denn nun weitergehen würde in Deutschland, mit den völlig unbekannten Wirtsleuten in Dresden, die mir ein Privatzimmer vermietet hatten,;
- das erstmalige Kennenlernen von Städten wie Dresden, Jena, Weimar, Eisenach mit Wartburg, Wismar, Schwerin bei zwei privaten Besuchsreisen im Frühjahr und Herbst 1990 und die Begeisterung über so viel Schönes, das ich nur aus Bildern kannte, aber auch das Erschrecken, z.B. über viele heruntergekommene Altstädte;
- wie ich viele Stunden am Fernseher von Bonn aus verfolgte, wie sich die Deutschen in
der DDR zu Tausenden auf Plätzen versammelten, ihre Forderungen nach einem Systemwechsel geradezu herausschrien, wie der Ruf „Wir sind das Volk“ immer lauter wurden und in Rufe „Wir sind ein Volk“ übergingen.
Wenn es in der Präambel heißt, das Deutsche Volk habe in freier Selbstbestimmung die Einheit vollendet, so spiegelt das die innerdeutsche Entwicklung 1989/1990 wieder. Nicht vergessen sind aber die Anstrengungen und die Unterstützung anderer Nationen, die der Vereinigung vorausgingen und sie letztlich erst möglich machten.
Da wäre als erstes zu nennen der politische Umbruch in Polen mit Lech Walesa und Solidarnosc - letztlich Vorreiter der Jahre späteren Entwicklungen in Europa.
Ich denke an den Entschluß der ungarischen Regierung im Mai 1989, die Sperranlagen und den „Todesstreifen“ an der ungarisch-österreichischen Grenze abzubauen, und an die ungarische Unterstützung der vielen Tausend nach Ungarn geflüchteten Deutschen aus der DDR, die nicht in die DDR - immerhin Bündnispartner im Warschauer Pakt und dem RGW - zurückgeschickt wurden, sondern bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland bleiben konnten.
Niemand wird die bewegenden Bilder aus dem Jahre 1989 vergessen, als buchstäblich mehrere Tausend Deutsche aus der DDR in die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag flüchteten, ihre wenige Habe über den Gitterzaun der Botschaft warfen und sich verzweifelt dagegen wehrten, von der Polizei wieder zurückgezerrt zu werden oder die berühmte Szene auf dem Balkon der Botschaft mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und der erlöste Aufschrei der Flüchtlinge, als sie hörten, daß sie in Sonderzügen von Prag über Dresden in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen durften.
Ich erinnere mich an die sogenannten „ 2+4-Verhandlungen“, bei denen die außenpolitischen Rahmenbedingungen der deutschen Vereinigung verhandelt wurden. Ohne die unerschütterliche Unterstützung insbesondere der USA und Präsident George Bush und Außenminister Jim Baker sowie der Einsicht von Michail Gorbatschow und Edvard Schewardnadse, daß der deutsche Wunsch nach Einheit nicht länger verwehrt und die DDR aus dem sowjetischen Machtbereich entlassen werden sollte, wäre bei aller Entschlossenheit und Zielstrebigkeit der beiden deutschen Regierungen nach der freien Volkskammerwahl eine Vereinigung nicht möglich gewesen.
Zu erinnern ist auch daran, daß die Europäische Gemeinschaft, allen voran die damalige EG-Kommission unter Jaques Delors, das wirtschaftliche Zusammenwachsen Deutschlands in kaum zu überschätzender Weise gefördert hat.
Weit über Deutschland hinaus haben diese Ereignisse für ganz Europa größte Bedeutung. Denn damals wurde seine Teilung - 1945 in Jalta und Potsdam beschlossen - überwunden. In ganz entscheidender Weise der Vollendung näher gebracht wurde dieser 1989/1990 eingeleitete Prozeß jedoch mit der Erweiterung der EU 2004, als die baltischen Staaten, Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei, Ungarn und Slowenien Mitglied der Europäischen Union wurden, und 2007 mit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens.
Die Geschehnisse der Jahre 1989/1990 waren ein tiefgreifender, friedlich erreichter Umbruch in den Gesellschaften und Staaten Europas. Jeder – insbesondere in Mittel und Osteuropa – konnte dies damals selbst verspüren. Von seinen positiven Auswirkungen profitieren aber auch heute noch die Jugendlichen bis Anfang 20, die den Umbruch nicht bewußt erlebt haben.. Auch deshalb ist es wichtig, diese Zeitenwende und ihre Bedeutung für uns alle im kollektiven Bewußtsein der Völker zu bewahren.
Homepage der deutschen Botschaft Wien
Jerzy Marganski1989 aus Sicht des polnischen Botschafters in Wien
Polen hatte eine lange Tradition des Widerstandes gegen das kommunistische System, das dem Lande nach dem II. Weltkrieg oktroyiert wurde. Die offenen Proteste der Jahre 1956, 1968, 1970, 1975 und schließlich 1980 markierten den polnischen Weg zur Freiheit. Seit Mitte der siebziger Jahre entstanden immer mehrere illegale oppositionelle Organisationen, Bürgerinitiativen und sogar fliegende Universitäten. Im Untergrund erschienen hunderte von Broschüren, Zeitschriften und Büchern, die vom kommunistischen Staat als systemfeindlich betrachtet und verboten wurden. Die katholische Kirche, dem polnischen Papst Johannes Paul II. folgend, diente als liberale Zuflucht unzähliger unabhängiger Initiativen und als Diskussionsforum der regimekritischen Kreise.
Die Schikanen und die omnipräsente politische Polizei waren nicht mehr imstande, den freiheitlichen Geist zu bändigen, der im Volke immer stärker wurde. So entstand allmählich der Grund für die Entstehung von Solidarność - der einzigen im Ostblock unabhängigen Gewerkschaft, in Wirklichkeit aber einer mächtigen 10 Millionen-Bewegung, die den Sturz des Kommunismus heraufbeschwören sollte.
Wir alle haben damals zum ersten Mal in unserem Leben gewagt, das Unmögliche zu hoffen - dass das Land eines Tages doch frei werden kann. Das Kriegsrecht, das am 13. Dezember 1981 ausgerufen wurde, die Internierung von Tausenden von Menschen, die Todesopfer der Streiks in den schlesischen Kohlengruben, schienen diese Hoffnungen auf Jahre begraben zu haben. Kaum jemand hat geglaubt, dass sie bald Wirklichkeit werden könnten. Ich auf jeden Fall nicht. Eine kleine Geschichte, die ich einige wenige Jahre später erlebte, zeigt, wie wenig es auch die Machthaber im Ostblock geahnt haben.
Im November 1988, nach einem über dreijährigen Aufenthalt in Deutschland fuhr ich zum ersten Mal zurück nach Polen. Früher habe ich es nicht gewagt. Zwar hatte das Regime nach der Beendigung des Kriegsrechts die Vorschriften gelockert und viele Menschen aus dem Lande gelassen, aber eine Rückkehr war nicht immer einfach. In meinem Fall haben zwar die Beamten des Konsulats der Volksrepublik Polen in Köln meinen Reisepass jedes halbe Jahr verlängert, aber dabei immer „vertraulich“ gedeutet, mein weiterer Aufenthalt im Ausland würde „von Warschau“ trotzdem als illegal angesehen und ich wäre gut beraten, in Polen doch nicht zu erscheinen. Warum, weiß ich bis heute nicht, aber auf alle Fälle habe ich drei Jahre lang von einer Reise hinter den eisernen Vorhang Abstand genommen.
Ich stieg in Berlin-Zoo von einem schönen Intercity Frankfurt-Berlin in einen alten, ausgedienten Zug nach Warschau um, der von der polnischen und der Deutschen Reichsbahn, dh. der DDR-Bahn gemeinsam betrieben wurde. Obwohl die nächste Station nach dem offiziellen Fahrplan erst die polnische Grenze sein sollte, hielt der Zug bereits einige Minuten nach dem er den Bahnhof Zoo verlassen hatte, an. Rund herum war es völlig dunkel. Erst nach einer Weile konnten wir sehen, dass wir uns in der leeren Halle eines alten, offenbar nicht genutzten Bahnhofs befanden, in dem kein Licht war und in dem entlang der Bahngleise große Prismen von Steinkohle lagen, die den Blick auf die Umgebung verstellten. Zwischen der Kohle und dem Zug standen auf beiden Seiten in 10 Meter Abständen DDR Soldaten in Uniform, mit Maschinengewehren und Hunden. Es herrschte eine gespenstische Ruhe. Selbst diejenigen von uns, die zwischen Warschau und Berlin pendelten und für die diese Szene nichts Neues war, waren sichtlich erschrocken.
Plötzlich drangen einige Uniformierte in den Zug ein und mit den Schreien „Routinekontrolle, alle raus“, trieben sie die Passagiere samt Gepäck auf den Bahnsteig hinaus. Die „Routinekontrolle“ fing umgehend an. Durch die Fenster des Zuges konnten wir sehen, wie die Beamten Sitzbänke und Elemente der Innenausstattung schnell demontierten und nach Verbotenem suchten. Auf dem Bahnsteig wurden inzwischen Dokumente kontrolliert und das Gepäck und die Kleider der Passagiere auf eine Weise durchgesucht, die an Kontrolle in einem Zuchthaus erinnerten. Nach etwa einer halben Stunde wurde uns befohlen, wieder in die Abteile zu gehen. Der Zug durfte weiter fahren. Durch das Fenster meines Abteils konnte ich zwei Zivilisten und einen Uniformierten sehen, die einen Passagier abführten. Einer von ihnen trug in seiner Hand einige Exemplare des Solidarność-Bulletins und ein Buch von Friedrich Hayek, einem Protagonisten der neoliberalen Wirtschaft – beides im Ostblock als höchst gefährlich betrachtet und verboten.
All das geschah kaum vier Monate vor dem Beginn der Sitzungen des Runden Tisches in Warschau, die den Weg zu Reformen in Ostmitteleuropa gebahnt haben. Kaum acht Monate später wurde - die erste im Ostblock - demokratische Regierung von Tadeusz Mazowiecki einbeschwören, die die Umwandlung der zentral dirigierten Wirtschaft in eine Marktwirtschaft durchführte, was früher noch niemand versucht hatte.
Der Bahnhof, auf dem die Züge von „West Berlin“ anhielten, steht heute immer noch und dient den Reisenden als ein normaler Bahnhof. Immer, wenn ich in seiner Nähe bin, denke ich, dass wir, dass meine Generation viel Glück gehabt hat, weil sie das erleben durfte, was für die Generation meiner Eltern und Großeltern fast undenkbar war – Freiheit, Demokratie und Sicherheit. Das hätten wir vor zwanzig Jahren nie für möglich gehalten.
Homepage der Polnischen Botschaft Wien
Jan Koukal1989 aus der Sicht des tschechischen Botschafters in Wien
Jedes Mal, wenn ich während meiner Überlegungen auf dieses Thema zurückkomme, stelle ich fest, dass obwohl ich ein direkter Teilnehmer bei diesen Ereignissen war, um mich herum immer wieder neue Tatsachen und neue Fakten zum Vorschein gebracht werden. Eine historische Bewertung wird noch einige Zeit auf sich warten lassen, und deshalb basiert der heutige Kommentar auf meiner und ich glaube auch auf der allgemeinen Erkenntnis der Tatsachen, so, wie wir diese heute wahrnehmen. Ich versuche eine Antwort darauf zu finden, warum gerade das Jahr 1989 daher ein Umbruchsjahr war.
Der Kontext, in welchem während des Jahres 1989 der tschechoslowakische Weg zur Freiheit entstand, hat seine Anfänge schon viel früher. Politologisch gesehen, ist dies keine überraschende Feststellung. Die Teilung der Einflusssphären nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bildete um die damalige Sowjetunion einen Komplex an Satellitenstaaten, worunter leider auch die Tschechoslowakei fiel. Ich möchte nicht alle Schrecken und Inkorrektheiten des totalitären Regimes ausführen, die in diesem sozialistischen Lager existierten. Ich konzentriere mich auf den Teil der Wirtschaft, welcher laut Vieler zur tatsächlichen Ursache für die Veränderungen im Jahr 1989 wurde. Laut der Budgetstudien der Sowjetunion existierte lange Zeit eine erhebliche Differenz zwischen den Einkommen und den Ausgaben. Die sowjetischen Statistiken gaben selbstverständlich wie üblich unwahre und verkehrte Zahlen an. In Wirklichkeit, gemäß des Buches von Igor Birman, welches in den Niederlanden im Jahr 1981 herausgegeben wurde, bildeten die sogenannten „geheimen Quellen“, besser gesagt die fiktiven Einkommen im Jahr 1980 beinahe ein Drittel der Gesamteinkommen. Bereits in den fünfziger Jahren schrieb der Stratege der amerikanischen Politik Albert Wohlstetter, dass den Rüstungswettkampf der wirtschaftlich stärkere Westen gewinnen wird. Ronald Reagan nutzte diese Strategie und brachte die Sowjetunion an die Schwelle des Bankrotts. Gemäß amerikanischer Quellen, wurden in den achtziger Jahren bis zu 50% des Budgets für militärische Ausgaben genutzt. Die bekannten Worte Gorbatschows „glasnosť“, „perestrojka“, die nationale Bewegung gegen Alkoholismus, waren faktisch nur letzte Versuche den Finanzbankrott abzuwenden. Der Kreml war nicht in der Lage, die Besatzungsarmeen in Afghanistan, aber auch nicht in ihren europäischen Satellitenstaaten zu erhalten. Die Kommunisten verloren zwar nichts an ihren imperialen Ambitionen, es mangelte ihnen bloß an Geld. Sie waren nicht einmal in der Lage, die gängigen öffentlichen Ausgaben zu decken und der Staat begann die Funktionen und dadurch selbstverständlich auch die totalitäre Macht zu verlieren. Ohne Reagans rasante Vorgehensweise würde der Auflösungsprozess zweifelsohne länger dauern.
Die internationale politische Situation war wirklich am Rande einer historischen Wende. Ich führe einige Begebenheiten an, die eine direkte Beziehung zu den Ereignissen in der Tschechoslowakei haben. Im Jänner 1989 wurde in Ungarn die Gründung von politischen Parteien genehmigt. In Folge dessen konnte man während der Wahlen im März nach langen Jahren wirklich wählen. Am 15. Jänner kam es auf dem Prager Wenzelsplatz zu einer großen Pietätveranstaltung für Jan Palach. Dieser Student verbrannte sich hier selbst vor 40 Jahren aus Protest gegen die sowjetische Besatzung. Es begann die sogenannte Palach-Woche der Demonstrationen. Es wurden über 1400 Menschen festgenommen, die Polizeimaßnahmen gegen die Demonstranten erregten durch ihre Härte auch in anderen Städten eine weitere Welle an Protesten. Zu dieser Zeit tagte in Wien die Konferenz über europäische Sicherheit und Zusammenarbeit. Die tschechoslowakische Delegation wurde der Verletzung des Helsinki-Abkommens über Menschenrechte beschuldigt. Václav Havel wurde verhaftet, das folgende Urteil lautete auf 21 Monate Haft. Im Februar erinnerten 15000 (fünfzehntausend) Demonstrierende in Tiflis dem Gedenktag der Besatzung Georgiens durch die Sowjetmacht. Bei den ungarischen Wahlen im März gewann das Demokratische Forum. Das erste Mal seit dem Jahr 1917 konnten bei den sowjetischen Wahlen auch nichtkommunistische Kandidaten antreten. Die Wahlergebnisse brachten eine starke Unterstützung der Bestrebungen verschiedener sowjetischer Republiken um ihre Unabhängigkeit mit sich. Gorbatschows Regime traf im April in Tiflis wieder hart ein, wo während der Demonstrationen 19 Menschen erschossen wurden. Am 2. Mai begann man den Eisernen Vorhang an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich niederzureißen. Havel wurde aus der Haft befreit. Im Juni erschütterten die Ereignisse auf dem Tien-An-Men-Platz die Welt. Bei den polnischen Wahlen erreichten die Kandidaten der Solidarität 94% der Stimmen. Die Demonstrationen zur Erinnerung an die Ereignisse des August 1968 in der Tschechoslowakei wurden brutal auseinandergetrieben. Der verhaftete bedeutende Dissident Stanislav Devátý blieb vom Berufungsgericht fern und trat in die Illegalität, wodurch er die Schwäche der totalitären Macht in der Tschechoslowakei öffentlich dokumentierte. Es begannen die Massenproteste in den baltischen Republiken und in der Ukraine. In der Deutschen Demokratischen Republik wurde am 18.9. das Neue Forum gegründet. Die Polizei weigerte sich in die Menge der Demonstranten in Leipzig zu schießen. Das Symbol der Teilung Europas – die Berliner Mauer – fiel am 9. November. Jene Mauer, welche noch im Februar ein weiteres Opfer verzeichnete, fiel gerade, Menschen überquerten sie, rissen sie nieder, passierten sie durch die eingerissenen Öffnungen von einer Seite auf die andere. Hier war das symbolische Ende der kommunistischen Totalität. Beim Treffen auf Malta sagte Gorbatschow, dass die UdSSR niemals die USA angreifen würde. Im offiziellen Interview am 3.12. sagte dann sein Pressesprecher, dass um 23:45 der Kalte Krieg beendet sei.
Ich habe den, nur um es kurz zu erwähnen, 17. November in Prag übersprungen. In Prag wurde eine Demonstration nicht nur zur Erinnerung an den 50. Gedenktag der Studentenrepressionen durch das Naziregime im Jahr 1939 vorbereitet. Diesmal war das Ziel jedoch ein anderes. Die Demonstration war gewaltig und es nahmen selbstverständlich nicht nur Studenten an ihr teil. Der mediale Höhepunkt, das damalige Regime und dessen Vertreter absolut diskreditierend, war die Nachricht über den Tod eines Studenten während eines Übergriffs durch die Polizei. Später zeigte sich, dass es sich um eine Fälschung, organisiert durch die Geheime Staatssicherheit, handelte. Für gewöhnlich nahm die Polizei vor jeder vorbereiteten Demonstration präventiv einige Dissidenten fest. Diesmal kam es dazu nicht. Im Polizeistab, der die Polizeimaßnahmen gegen die Demonstranten leitete, saß an dem Tag ein sowjetischer Vertreter. Die Kommunistische Staatsführung setzte gegen die Demonstranten letzten Endes weder die bereitstehende Armee, noch die bewaffnete Fraktion der kommunistischen Partei, die so genannte Volksmiliz ein. Faktisch verlor die Regierung und das Offizierskorps am nächsten Tag gänzlich die Kontrolle über die Armee. Wie sich später heraus stellte, überwachte die Staatssicherheit die Bewegung aller Anführer der Demonstration und später der Revolution sehr genau. Dennoch wurden diese Informationen weder zur Anhaltung der Revolution noch für die üblichen Repressionen verwendet. Selbstverständlich gibt es eine Reihe weiterer Fragen. Wie wurde die samtene Revolution eigentlich begonnen? Fegte die vorbereitete Sprengkapsel nicht auch die Vorbereitenden hinweg? War es eigentlich nicht gleichermaßen wie im Jahre 1968, ein Duell der Fraktionen der regierenden kommunistischen Macht, welches wie damals außer Kontrolle geriet?
Es gibt zwei grundlegende Unterschiede beim Vergleich dieser zweier historischer Ereignisse. Der erste ist die internationale Situation. Während die Tschechoslowakei im Jahr 1968 faktisch allein gegen den sowjetischen Moloch der totalitären kommunistischen Macht stand, war sie diesmal Bestandteil der internationalen Beendigung des Kalten Krieges und dadurch der amerikanischen Siegesphase der Konkurrenz um die größten Mächte. Der zweite Unterschied liegt in der Situation zu Hause, in der Bereitschaft, die Staatsverwaltung in nicht kommunistische Hände zu übernehmen. Es war nicht nur die Kontinuität der Dissidentenbewegung, die seit dem Jahr 1968 existierte, nicht nur die Aktivitäten ihrer moralischen Autorität der Charta 77. Seine Tätigkeit erneuerten der Klub der engagierten Unparteiischen und der Klub der unabhängigen Intelligenz. Auf akademischem Boden wurde offen über andere als sozialistische Gesellschaftsverhältnisse diskutiert. Es existierten Studien über die Transformation des Verwaltungs- und Wirtschaftssystems. Auch die Öffentlichkeit hatte in dieser Sache Klarheit. Sie wollte das kollabierende und das bankrottierende System nicht reparieren.
Am 19. November entstand das Bürgerforum als überparteiische Struktur, die aus Sicht der heutigen politischen Terminologie alles nicht-kommunistische einschloss. Am 28. November 1989 gab die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei ihr Machtmonopol auf. Dank der enormen Aktivität der Nation, welche sich nur in Prag durch eine wochenlange Demonstration äußerte, wurden schlussendlich die Bürger zur Vormacht und Hauptträger der samtenen Revolution. Am 27. November kam es zum Generalstreik und zum Prager Letna-Gelände kamen eine dreiviertel Million Menschen. Am 10.12.1989 wurde eine neue Regierung ernannt, in der Václav Klaus, heutiger Präsident der Tschechischen Republik, Walter Komárek und Jiří Dienstbier waren. Am 29.12.1989 wird Václav Havel Präsident. Das Bürgerforum leitet den Weg zur Freiheit ein. Eine der größten Handlungen des Bürgerforums war, dass es in die Staatsverwaltung viele neue Menschen aus verschiedenen Professionen brachte. Es half schnell und mit breiter Unterstützung der Einwohner ein neues Parlament zu wählen und das ordentliche demokratische Funktionieren der Republik anzukurbeln.
Es gelang den Traum von der Demokratie zu realisieren. Die Tschechoslowakei trat den Weg zur Demokratie und der Marktwirtschaft an. Das Jahr 1989 war für Mitteleuropa das definitive Ende der kommunistischen Totalität und das Ende des Kalten Krieges und für Europa war es die neue Chance gemeinsam ein bedeutender globaler Akteur zu werden.
Die Tschechische Republik übernimmt zur Zeit des 20. Gedenktages der Freiheit 1989 den Vorsitz in der Europäischen Union und ist fester Bestandteil der NATO.
Homepage der Tschechischen Botschaft Wien
Peter Lizák1989 aus der Sicht des slowakischen Botschafters
Wäre die Slowakei ohne ´89 der größte Autohersteller der Welt, ein Mitglied der Europäischen Union, eine freie Demokratie, eine soziale Marktwirtschaft, ein Land mit gemeinsamer europäischen Währung, ein Land mit höchster Wirtschaftsdynamik am Kontinent, ein NATO Mitglied, ein UNO Sicherheitsratsmitglied, ein selbstbewusstes, selbständiges Land, ein Land das selbst für Erfolge und Misserfolge zuständig ist, ein Land, das die Herausforderungen und Lösungen mit Partnern und Verbündeten teilen kann, ein Land freier Bürger, die die Zukunft frei gestallten können, mit jungen Leuten, die ihren Studiumsort und ihr Studiumsfach frei wählen können, mit freien Reisemöglichkeiten in die ganze Welt, ein Land mit am meisten prosperierenden Regionen Europas, mit einer Hauptstadt im Herzen eines freien Europas, die mit Wien einen ‚goldenen‘ Region bildet, ein Mitglied der Visegrad - Gruppe, ein Schengenmitglied, ein Land mit einem der einfachsten Steuersystemen der Welt, mit vielseitigen Investitionsmöglichkeiten, ein wunderschönes Land mit vielseitigen Perspektiven, ein Land, das nicht nur aber sicherlich auch auf Andy Warhol und Edita Grúberová stolz sein kann, ein Verbindungsland zwischen dem Osten und dem Westen Europas, eine Inspiration für Partner im Transformationsprozess, ein Unterstützer der Balkan- und Osteuropaländer, ein verlässlicher, verantwortlicher und gesuchter Partner in internationalen Beziehungen ?
Nein, sie wäre es nicht. Und damit ist vielleicht nicht alles, aber vieles gesagt.
Homepage der Slowakischen Botschaft Wien
Istvan HORVATH1989 aus der Sicht des ungarischen Botschafters in Wien
„Den ersten Stein aus der Mauer hat Ungarn geschlagen“ – mit diesen Worten beschrieb Bundeskanzler Helmut Kohl im Dezember 1989 vor dem ungarischen Parlament die Bedeutung der Rolle, die Ungarn hinsichtlich des Falls der Berliner Mauer und als Folge dessen bei der Abschaffung der Grenze zwischen beiden deutschen Staaten am 9. November 1989 gespielt hat.
Die ungarische Regierung, an der Spitze Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn, zwang mit ihrer mutigen Entscheidung für die Ausreise der sich in Ungarn befindenden mehreren Tausend Flüchtlingen – und ohne vorherige Abstimmung mit Moskau- die DDR-Regierung zum Handeln.
Und es sollte sich bald herausstellen, dass diese Entscheidung zum Sturz des Honecker-Regimes in der DDR und damit zur Wiedervereinigung beider deutschen Staaten führte sowie reihenweise zum Sturz aller kommunistischer Regime in Osteuropa.
Die Öffnung der Grenze für die DDR-Flüchtlinge am 10. September 1989 wäre nicht möglich gewesen, wenn die Reformkräfte in der kommunistischen Partei Ungarns, die besonders in den 80-iger Jahren ihre Position verstärken konnten, nicht durch unermüdliche und oftmals riskante Arbeit die Reformen innerhalb der Partei vorbereitet und somit einen von oben gesteuerten Systemwechsel möglich gemacht hätten.
Als ich im Jahre 1984 als Botschafter nach Bonn geschickt wurde, hatte ich als Mitglied der Reformgruppe die Aufgabe, die politischen und wirtschaftlichen Kreise in Deutschland für die Bestrebungen der ungarischen Reformer zu gewinnen und durch konkrete Maßnahmen zu unterstützen.
In dieser Schlüsselposition schaffte ich es in relativ kurzer Zeit, direkte Verbindungen zu den wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland aufzunehmen und sie für die Ziele der ungarischen Reformer zu interessieren. Die Art und Weise, wie ich Informationen und Vorhaben präsentierte und durch konkrete Handlungen die Ernsthaftigkeit dieser Ziele beweisen konnte, sicherte uns die Hilfe seitens der deutschen Elite, die für die ungarischen Bestrebungen unentbehrlich waren.
So gelang es zum Beispiel, die deutsche Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher sowie Kanzlerberater Horst Teltschik davon zu überzeugen, dass sie die für Ungarn lebenswichtigen Kredite an wirtschaftliche und politische Reformen knüpften, um so die Position der Reformkräfte zu stärken.
So gelangten jene Reformer in die politische Frontlinie, die die Bedingungen für einen Systemwechsel vorbereiten konnten.
Die neue Regierung unter Ministerpräsident Németh trat im Jahre 1988 dem Genfer Flüchtlingsabkommen bei. Das schon allein war eine revolutionäre Entscheidung innerhalb der sozialistischen Staaten, denn so galt die Abschiebung von Flüchtlingen in ihre sozialistischen Heimatländer, wie es innerhalb der Warschauer Paktstaaten üblich war, nicht mehr als selbstverständlich. In den Jahren um 1986/87 hielten sich nämlich mehrere Zehntausende rumänische Bürger mit ungarischer Abstammung, die um politisches Asyl baten, in den Flüchtlingslagern in Ungarn auf.
Als erste Regierung der sozialistischen „Bruderstaaten“ brachte dann die ungarische Regierung die Entscheidung über den Abbau des Eisernen Vorhangs, der die kommunistischen diktatorischen Systeme von den demokratischen westlichen Systemen trennte.
Im März 1989 begann in einem geheimen Manöver der Abbau des Eisernen Vorhangs und als am 27. Juni 1989 die Außenminister Gyula Horn und Alois Mock in einem symbolischen Akt und für die Öffentlichkeit den Drahtzaun durchschnitten, existierte dieser eigentlich schon nicht mehr und musste für die Zeremonie kurzfristig noch einmal aufgebaut werden.
In den anderen sozialistischen Staaten erfolgte dieser Schritt viel später, nämlich erst nach dem Fall der Berliner Mauer.
Als Folge des Abbaus des Eisernen Vorhangs kamen im Sommer des Jahres 1989 viele Tausende DDR-Touristen nach Ungarn.
Zwar war schon in den Jahrzehnten davor Ungarn Treffpunkt der Deutschen aus Ost und West, aber in diesem Jahr nahm der Zustrom kein Ende.
Ende Juni lag die Zahl der sich in Ungarn aufhaltenden DDR-Bürger, die nicht mehr bereit waren, in ihre Heimat zurückzukehren bei mehreren Zehntausend.
Bei dem Paneuropäischen Picknick am 19. August 1989 an der österreichischen Grenze in Sopron- eine von der ungarischen Regierung unterstützte Veranstaltung- gelang etwa 500 DDR- Bürgern die Flucht nach Österreich, in dem sie unbehelligt über die grüne Grenze spazierten.
Die Nachricht darüber verstärkte natürlich den Zustrom der „DDR-Touristen“.
Die Flüchtlingslager waren überfüllt, viele ungarische Bürger gewährten den Flüchtlingen Unterkunft, Verpflegung und Geld. Die Solidarität war beispiellos, nur zu vergleichen mit der großartigen Unterstützung und Hilfe, die uns unsere österreichischen Freunde im Jahre 1956 zuteil werden ließen.
Die ungarische Regierung, der Malteser Hilfsdienst, das Rote Kreuz und die Bevölkerung versuchten alles, um den Flüchtlingen die Lage erträglich zu machen.
Auf der ungarischen Regierung lastete ein enormer Druck. Die Warschauer Paktstaaten, an der Spitze natürlich die DDR, verlangten die sofortige Abschiebung der Flüchtlinge in die DDR.
Sowohl Moskau als auch die westlichen Regierungen hielten sich mit ihren Meinungsäußerungen zurück.
Nur auf Ungarn selbst lag wieder einmal das Gewicht einer politischen Entscheidung.
Es musste eine Lösung gefunden werden!
In Absprache mit Ministerpräsident Miklós Németh vereinbarte ich mit Bundeskanzler Helmut Kohl ein geheimes Treffen, das am 25. August 1989 im Schloss Gymnich, nahe Bonn stattfand.
An dem Treffen nahm von ungarischer Seite Ministerpräsident Miklós Németh, Außenminister Gyula Horn, und ich als Botschafter Ungarns in Bonn teil, von deutscher Seite Bundeskanzler Helmut Kohl sowie Außenminister Hans-Dietrich Genscher.
Die ungarische Seite gab folgende Erklärung ab:
Die Krise bezüglich der DDR-Flüchtlinge ist nur zum Teil ein ungarisches Problem. Dieses Problem sollten in erster Linie beide deutsche Staaten lösen.
Die Bundesregierung war allerdings nicht in der Lage, mit der DDR-Regierung zu verhandeln, da diese jede Lösungsmöglichkeit ablehnte. Für sie kam allein die Abschiebung der Flüchtlinge in Frage.
Am Ende des Gymnicher Treffens machte Németh eine klare Aussage: Die DDR-Flüchtlinge werden gegen ihren Willen nicht in die DDR abgeschoben. Man werde sie ausreisen lassen. Bezüglich des Zeitpunktes konnte noch keine genaue Angabe gemacht werden.
Bundeskanzler Kohl war auf Grund dieser Mitteilung tief berührt. Mehrmals fragte er Németh „Herr Ministerpräsident, was möchten Sie dafür als Gegenleistung?“ Németh wiederholte jedes Mal „Nichts, Herr Bundeskanzler. Den Weg zur Demokratie muss Ungarn selbst zu Ende gehen. Deutschland wird die Möglichkeit finden, uns auf diesem Weg Hilfe und Unterstützung zu geben“.
Am 10. September 1989 wurde dann die Grenze für die DDR-Flüchtling geöffnet.
Einige Stunden zuvor waren die Botschaften der Sowjetunion und der DDR von diesem Schritt informiert worden.
Zwei Tag vor der Grenzöffnung informierte mich Gyula Horn „durch die Blume“ über den genauen Zeitpunkt. Diese Mitteilung überbrachte ich persönlich Außenminister Genscher in seiner Wohnung in Pech bei Bonn.
Am 10. September 1989 teilte Außenminister Horn im ungarischen Fernsehen um 19 Uhr mit, dass die DDR-Flüchtlinge ausreisen dürfen. Dieses geschichtliche Ereignis wurde in die ganze Welt übertragen.
Bis zum Fall der Mauer am 9.November 1989 konnten etwa 57.000 DDR-Flüchtlinge die Grenze nach Österreich überschreiten.
Die Entscheidung der ungarischen Regierung löste einen Dominoeffekt aus. Die kommunistischen Regime brachen der Reihe nach zusammen und schließlich löste sich auch die Sowjetunion im Jahre 1991 auf.
Ausgangspunkt dieser geschichtlichen Ereignisse war unter anderem auch die Politik, die Gorbatschow vertreten hatte. Allerdings hatte er sich in einem Punkt geirrt. Er glaubte an die Reformierbarkeit der sozialistischen Systeme. Geschichtlicher Verdienst und Irrtum lagen nahe beieinander.
